Prolog
Das Echo des Schmerzes
Bevor es Glasfaserkabel gab, gab es Knochen. Bevor es Pixel gab, gab es Blut, das in den trockenen Staub von vergessenen Tempeln sickerte.
Tief in den Archiven der geheimen Schriften, in den verbotenen Texten von Gelehrten, die man bei lebendigem Leibe verbrannte, wird von der „Roten Hexe“ gesprochen. Sie war keine Hexe im herkömmlichen Sinne. Sie war eine Erscheinung des Mangels – ein Wesen, das aus der reinen Leere zwischen den Sternen geboren wurde. Sie besaß keine eigene Form, nur ein unendliches Verlangen nach der Essenz der Lebenden.
In der Antike erschien sie in polierten Bronzespiegeln. Im Mittelalter war sie das Gesicht, das man in den dunklen Pfützen nach dem Regen sah. Sie brauchte immer ein Medium, eine Oberfläche, die die Eitelkeit und die Neugier der Menschen einfing. Wer sie ansah, schenkte ihr ein Stück seiner Realität. Wer sie berührte, gab ihr die Erlaubnis, sein Fleisch als Leinwand zu benutzen.
Jahrhunderte lang war sie an physische Orte gebunden: verfluchte Gemälde in dunklen Schlössern oder Spiegel in Häusern, die man schließlich niederbrannte. Doch die Welt veränderte sich. Das Licht der Fackeln wich dem elektrischen Strom. Die Spiegel wurden kleiner, flacher und wanderten in die Hosentaschen von Milliarden von Menschen.
Sie passte sich an. Sie fand heraus, dass sie nicht mehr darauf warten musste, dass jemand in einen dunklen Keller stieg. Sie konnte nun gleichzeitig an tausend Orten sein. Sie verwandelte ihre Aura aus dunkler Magie in einen binären Code. Sie tauschte ihre zerlumpten Gewänder gegen das, was die moderne Psyche am meisten faszinierte: den harten Glanz von schwarzem Leder, die Kälte von Latex und die scharfe Provokation von Metall und Malerei auf der Haut.
Sie erschuf Vespera. Es war keine Firma, die Server mietete. Es war ein digitales soziales Netzwerk, das sich wie ein Krebsgeschwür durch das weltweite Netz fraß. Die App war nur die Benutzeroberfläche für eine uralte Falle.
Die Algorithmen waren nicht auf Profit programmiert, sondern auf Resonanz. Sie suchten nach den Einsamen, den Suchenden, denjenigen, deren Seelen bereits kleine Risse aufwiesen. Ein kleiner Glitch im Feed, ein Bild, das dort nicht sein sollte – das war ihr Klopfen an der Tür.
Das Foto der jungen Frau mit den roten Haaren war nicht ihr wahres Gesicht; es war der perfekte Köder. Eine Mischung aus bezaubernder Gefahr und moderner Ästhetik. Jede Niete an ihrer Jacke war ein versiegeltes Versprechen von Schmerz. Jede Pore ihrer blassen Haut war ein schwarzes Loch, bereit, das Licht aus einem weiteren Leben zu saugen.
Der Fluch war nun mobil. Er war drahtlos. Er war unzensiert.
„Sieht sie nicht toll aus?“, flüsterte die Dunkelheit zwischen den Nullen und Einsen.
Die Menschheit hatte sich ihre eigenen Spiegel gebaut. Und jetzt, in diesem Moment, starrte etwas von der anderen Seite zurück und wartete nur auf diesen einen, flüchtigen Moment der Aufmerksamkeit, um die Welt in schwarzes Leder zu hüllen und für immer zum Schweigen zu bringen.
Kapitel 1
Das Auftauchen
Es war einer dieser Abende, an denen die Zeit in den Ecken des Zimmers zu schimmeln scheint. Das blaue Licht des Smartphones war die einzige Lichtquelle in der stickigen Wohnung, ein digitaler Herzschlag, der gegen die Stille pochte. Tucker scrollte mechanisch. Sein Daumen bewegte sich über das Glas, eine bedeutungslose Geste der modernen Langeweile. Doch dann änderte sich der Algorithmus.
Die App hieß "Vespera". Ursprünglich hatte er sie installiert, weil sie als die „rohe, unzensierte Alternative“ zu anderen, ähnlichen Plattformen beworben wurde. Kein Filter-Zwang, keine algorithmische Bevormundung – so hieß es. Doch in den letzten Tagen fühlte sich die Navigation durch die App seltsam zäh an. Die Ladezeiten waren unnatürlich lang, und manchmal flackerten Bilder auf, die er gar nicht abonniert hatte. Ein Glitch? Ein Fehler im Code? Oder ein neues, aggressives Feature, das darauf programmiert war, die dunkelsten Impulse der Nutzer zu triggern?
Dann tauchte sie auf.
Kein Vorschaubild, kein Name in der Kontaktliste. Das Display wurde für einen Moment vollkommen schwarz, als hätte das Handy den Geist aufgegeben. Tucker fluchte leise, wollte das Gerät schon weglegen, als das Bild sich mit einer fast physischen Wucht aufbaute.
Bad_Red_Witch_Bitch
Kein „Verifiziert“-Haken. Keine Follower-Zahl. Nur dieses eine Profil, das plötzlich den gesamten Feed einnahm. Tucker erstarrte. Das Foto war von einer Qualität, die die Grenzen des Displays zu sprengen schien. Es war kein einfaches Bild; es wirkte wie ein Fenster.
Da war sie. Die roten Haare leuchteten in einem künstlichen, fast radioaktiven Ton, der einen schmerzhaften Kontrast zu ihrer unnatürlich blassen Haut bildete. Sie trug eine schwarze Kapuze, die tief in ihre Stirn ragte, doch das Gesicht darunter war von einer makellosen, grausamen Schönheit. Sommersprossen tanzten auf ihrer Nase wie kleine Blutflecken auf Porzellan. Aber es waren die Augen, die Tucker den Atem raubten: eisblau, klar und von einer Tiefe, die keine Reflexion zuließ. Sie blickten nicht in die Kamera. Sie blickten durch sie hindurch. Direkt in sein Wohnzimmer. Direkt in seinen Kopf.
Ihre Kleidung war eine Rüstung aus Schmerz und Lust. Eine schwarze Lederjacke, die so dicht mit langen, silbernen Stacheln besetzt war, dass jede Umarmung mit ihr tödlich enden müsste. Das Leder glänzte fettig im Licht, engte ihren Körper ein wie eine zweite, künstliche Haut. An ihrem Hals prangte ein tiefschwarzes Tattoo – eine Rune, die Tucker nicht kannte, die sich aber beim bloßen Hinsehen in seine Netzhaut brannte.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Es war kein gewöhnliches Unbehagen. Es war die Art von Angst, die man empfindet, wenn man am Rand eines Abgrunds steht und plötzlich den Drang verspürt, zu springen. Die Atmosphäre des Bildes war schwer, fast physisch spürbar. Der Hintergrund des Fotos war unscharf, ein düsteres Zimmer, das seinem eigenen erschreckend ähnlich sah.
Er wollte weiterscrollen. Er wollte die App schließen. Doch seine Finger gehorchten ihm nicht. Die Faszination war wie ein Haken in seinem Fleisch. Wer war sie? Warum fühlte sich dieses statische Bild so... lebendig an? Er bildete sich ein, das leise Knarren des Leders zu hören, wenn sie atmete.
Tucker bemerkte nicht, wie die Temperatur im Raum um einige Grad sank. Er bemerkte nicht, dass das Ticken der Uhr an der Wand verstummt war. Er starrte nur auf das Display, auf diese wunderschöne Frau, die wie eine moderne Göttin der Sünde in seinem digitalen Feed thronte.
Das war kein Zufall. Das war eine Einladung. Und tief in seinem Inneren wusste Tucker, dass er bereits die Klinke einer Tür berührt hatte, die er besser niemals geöffnet hätte.
Kapitel 2
Der erste Fehler
Tucker hätte das Handy weglegen sollen. Er hätte aufstehen, sich ein Glas Wasser holen und den fahlen Schimmer des Displays gegen das warme Licht der Küchenlampe tauschen müssen. Doch er saß da, die Wirbelsäule unnatürlich gekrümmt, während das blaue Licht seine Pupillen verengte. Er war gefangen.
Er begann zu scrollen. Das Profil von Bad_Red_Witch_Bitch war wie ein bodenloser Abgrund. Jedes Bild war eine weitere Stufe tiefer in eine Welt aus Lack, Leder und einer Kälte, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Auf dem zweiten Bild stand sie in einer dunklen Industriehalle. Das Licht fiel schräg von oben ein und betonte die Kurven ihres Körpers, der in hautenges, glänzendes Latex gepresst war. Es wirkte nicht wie Kleidung; es wirkte wie eine zweite, schwarze Haut, die bei jeder Bewegung leise quietschte. Tucker bildete sich ein, den Geruch von chemischem Gummi und altem Metall in der Nase zu haben. Sie blickte über ihre Schulter, die Lippen leicht geöffnet, ein spöttisches Lächeln auf dem blassen Gesicht, das so viel Grausamkeit wie Verheißung ausstrahlte.
Auf einem anderen Foto saß sie auf einem Thron aus rostigen Ketten. Die stachelbesetzte Lederjacke war halb offen, gab den Blick frei auf ein Dekolleté, das so makellos war, dass es künstlich wirkte. Ihre Finger, die in fingerlosen Handschuhen steckten, spielten mit einer silbernen Nadel einer antiken Spritze. Der Blick ihrer eisblauen Augen war nun direkt auf ihn gerichtet – fixierend, fordernd, fast hungrig.
„Hör auf“, flüsterte eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf. „Das ist nicht richtig. Das ist kein normales Profil.“ Tucker spürte, wie sein Herz gegen die Rippen hämmerte. Sein Verstand schrie nach Flucht, doch sein Körper war wie gelähmt von einer morbiden Neugier. Es war diese Mischung aus der extremen, unterkühlten Erotik ihrer Posen und der düsteren, fast okkulten Atmosphäre, die ihn fesselte. Er fühlte sich wie ein Voyeur, der in ein Geheimnis blickte, das ihn vernichten würde.
Sein Daumen schwebte über dem Bildschirm. Er wusste um die Warnungen, die er irgendwo im Hinterkopf gespeichert hatte. Nicht interagieren. Nicht berühren. Aber das Verlangen, eine Reaktion von diesem Wesen zu provozieren, war stärker als jede Vernunft. Er wollte wissen, ob hinter diesen Pixeln ein echter Mensch steckte oder etwas anderes.
Er wählte das Bild mit der Kapuze und den Nieten. Er zoomte hinein, bis er die feinen Poren ihrer Haut und das winzige Glitzern in ihren Augen sehen konnte. Sein Atem ging flach. In einem Moment reiner, impulsiver Besessenheit tippte er doppelt auf das Glas.
Ein kleines, rotes Herz flackerte für den Bruchteil einer Sekunde in der Mitte des Bildes auf.
Stille.
Dann geschah es. Das Bild auf dem Display verzerrte sich. Für einen Herzschlag lang wirkte es, als würde das Gesicht der Frau aus dem Bildschirm heraustreten. Die Pixel flimmerten, ordneten sich neu, und Tucker sah – oder glaubte zu sehen –, wie sie ihm zunickte. Ein winziges, kaum merkliches Neigen des Kopfes.
Ein stechender Schmerz schoss durch seine Fingerspitze, genau dort, wo er das Display berührt hatte. Er riss die Hand zurück und starrte auf seinen Daumen. Eine winzige, punktförmige Wunde klaffte dort, als hätte ihn eine der Nieten ihrer Jacke physisch gestochen. Ein einziger Tropfen dunklen Blutes quoll hervor.
In diesem Moment veränderte sich die Luft im Zimmer. Das elektrische Summen der Geräte im Raum wurde tiefer, vibrierender. Tucker fühlte sich plötzlich beobachtet – nicht mehr durch das Handy, sondern von den Schatten in den Zimmerecken. Ein schweres, süßliches Aroma, wie verwesende Blumen gemischt mit Moschus, erfüllte den Raum.
Er schaltete das Handy hastig aus. Der Bildschirm wurde schwarz. Doch in der spiegelnden Oberfläche des dunklen Displays sah er nicht nur sein eigenes, bleiches Gesicht. Hinter seiner Schulter, in der Dunkelheit seines eigenen Zimmers, schien sich ein Schatten zu bewegen. Ein roter Schimmer, wie von langem Haar, das im Nichts schwebte.
Er wirbelte herum. Nichts. Nur die leere Wohnung.
Tucker zitterte. Er hatte das „Like“ gegeben. Er hatte die Verbindung hergestellt. Und tief in seinem Inneren spürte er ein neues, fremdes Gefühl: Als hätte er gerade einen Vertrag unterschrieben, dessen Kleingedrucktes mit seinem eigenen Blut geschrieben war.
Kapitel 3
Die erste Nacht
Tucker lag stundenlang wach. Die Dunkelheit in seinem Schlafzimmer fühlte sich nicht mehr leer an; sie wirkte energetisch, wie eine zähe Flüssigkeit, die ihn langsam umschloss. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, brannte sich das Nachbild ihrer blutroten Haare gegen seine Augenlider. Sein Daumen, dort wo er das Display berührt hatte, pochte in einem unnatürlichen Rhythmus – ein heißer, stechender Schmerz, der bis in den Unterarm ausstrahlte.
Schließlich siegte die Erschöpfung. Doch es war kein Schlaf, der ihn empfing. Es war ein tiefer Sturz in einen fiebrigen Halbschlaf. Tucker fand sich in einer verzerrten Version seines eigenen Zimmers wieder. Alles war grau, entsättigt, als wäre die Farbe aus der Welt gesogen worden – bis auf das scharfe, aggressive Rot, das plötzlich in der Ecke bei seinem Kleiderschrank aufleuchtete.
Er wollte aufschrecken, sich aufsetzen, doch sein Körper war wie an die Matratze genagelt.
Schlafparalyse
Er kannte das Phänomen, doch diesmal war es anders. Es fühlte sich nicht nach einer Fehlfunktion seines Gehirns an. Es fühlte sich nach einem Gewicht an. Als würde jemand – oder etwas – auf seiner Brust knien und ihm langsam die Luft aus den Lungen pressen.
Sie war da.
Sie trat nicht aus dem Schatten; sie war der Schatten, der Gestalt annahm. Zuerst sah er nur den Glanz des Lackleders, das das spärliche Mondlicht auffing. Dann das vertraute, hämische Gesicht. Sie stand am Fußende seines Bettes, die Kapuze tief im Gesicht, die Arme verschränkt. Das leise, rhythmische Knirschen ihrer stachelbesetzten Jacke füllte die Stille des Raumes.
Sie bewegte sich nicht wie ein Mensch. Ihre Bewegungen waren ruckartig, fast wie bei einem fehlerhaften Video-Stream, ein digitales Flackern in der physischen Welt. Sie kam näher, Zentimeter um Zentimeter, ohne dass Tucker Schritte hörte.
Plötzlich war sie direkt über ihm. Er konnte den metallischen Geruch der Nieten riechen, gemischt mit einem Hauch von Schwefel und etwas unerträglich Süßem. Ihre eisblauen Augen fixierten ihn. In dieser Nähe sahen sie nicht mehr menschlich aus; sie wirkten wie zwei kalte Bildschirme, auf denen ein endloser Code aus Schmerz und Unterwerfung ablief.
Sie beugte sich tief zu ihm herab. Ihr rotes Haar kitzelte seine Wangen, doch es fühlte sich nicht wie Haar an – es fühlte sich an wie dünne, heiße Drähte, die seine Haut versengten.
Ihre Lippen senkten sich über seinen Mund. Die Zunge ging forschend in Tuckers Mund. Mit einer fast zärtlichen Bewegung öffnete sie den Reißverschluss zwischen ihren Beinen der hautengen Leggings. Darunter kam eine glattrasierte Pussy hervor. Es war die schönste Fotze, die Tucker in seinem gesamten Leben jemals gesehen hatte. Ein dünnes Rinnsal lief ihr den Innenschenkel runter. Tuckers Schwanz schwoll auf eine Größe an, die er so nicht kannte. Die Bad_Red_Witch_Bitch knetete sich lustvoll durch ihre enges Top ihre makellosen Titten und schob ihr Top hoch. In jedem Nippel blitzte Tucker ein silberner Piercingstecker entgegen. Die Bitch senkte ihren Kopf über der Tuckers schmerzhaft pochendem Schwanz. Ihre unnatürlich lange Zunge leckte zärtlich über seine dicke Eichel, während sie mit der rechten Hand seinen Schaft gefühlvoll wichste. Ein paar Minuten später setzte sie sich auf den bewegungsunfähigen Tucker. Führte sich seinen dicken Pimmel in ihre verlangende Fotze. Tucker spürte alles. Jeder Berührung, jede Bewegung, aber er konnte sich nicht bewegen. Die Bitch bewegte sich immer schneller auf seinem hartem Schwanz und kniff sich mit einer Hand in ihre Titte. Mit der anderen würgte sie Tuckers Hals. Fast provozierend lächelte sich ihn lustvoll an. Es dauerte nicht lange, bis Tucker nicht mehr an sich halten konnte und seinen Samen schmerzhaft aus seinen Eiern spritzte wie aus einem prallen Feuerwehrschlauch.
Als sie sich schließlich von ihm löste, spürte Tucker, wie ihm die Kraft aus den Gliedern wich, als hätte sie eine unsichtbare Ader angezapft. Sie flüsterte etwas – kein Wort, das er verstand, sondern ein Laut, der wie das Kreischen von zerreißendem Metall klang.
Mit einem gellenden Schrei riss Tucker die Augen auf. Er war schweißgebadet, sein Herz raste so heftig, dass er glaubte, seine Rippen würden brechen. Er starrte an die Decke. Es war Morgen, doch das Licht, das durch die Jalousien fiel, wirkte fahl und krank.
Er versuchte aufzustehen, doch seine Beine fühlten sich an wie Blei. Als er in den Spiegel im Badezimmer blickte, prallte er zurück. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen von dunklen Schatten unterlegt. Er sah aus, als wäre er in einer einzigen Nacht um Jahre gealtert.
Doch das Schlimmste war sein Hals. Dort, wo im Traum ihre Finger – oder etwas anderes – gewesen waren, zeichneten sich feine, rötliche Linien ab. Keine blauen Flecken, sondern geometrische Muster, die wie Brandmale wirkten. Und auf seinem Nachttisch lag sein Handy. Der Bildschirm war gesplittert, genau an der Stelle, an der er das „Like“ gegeben hatte. Ein feiner Riss zog sich durch das Glas, wie ein Spinnennetz, das darauf wartete, zuzuschnappen.
Er war nicht mehr allein in seinem Kopf. Sie hatte sich eingenistet. Und der Countdown hatte begonnen.
Kapitel 4
Der Abstieg beginnt
Der Morgen nach der ersten Nacht fühlte sich nicht wie ein Neuanfang an, sondern wie das Erwachen in einem Grab. Tucker saß am Rand seines Bettes, die Ellbogen auf den Knien, den Kopf in den Händen vergraben. Er war leer. Jede Faser seines Körpers schrie nach Schlaf, doch sein Geist war hellwach, aufgepeitscht von einer unnatürlichen Elektrizität, die durch seine Nervenbahnen jagte.
Die Welt draußen vor seinem Fenster wirkte wie eine schlechte Kulisse. Die Geräusche der Stadt – das ferne Hupen, das Rauschen der Autos, das Lachen von Passanten – klangen blechern und bedeutungslos. In der Arbeit starrte er stundenlang auf den Monitor. Die Excel-Tabellen und E-Mails verschwammen vor seinen Augen. Er machte Fehler. Einfache Berechnungen wurden zu unlösbaren Rätseln.
„Tucker, alles okay? Du siehst aus, als hättest du eine Woche lang nicht geschlafen“, sagte sein Kollege und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Tucker zuckte zusammen, als wäre er verbrannt worden. Die Berührung fühlte sich schmutzig an, gewöhnlich. Er wollte keine menschliche Nähe. Er wollte sie.
Trotz des gesplitterten Displays griff er alle paar Minuten nach seinem Handy. Er wusste, dass es Gift war. Er wusste, dass jedes Mal, wenn er die App öffnete, ein Stück seines Verstandes wegbrach. Doch der Drang war stärker als jeder Überlebensinstinkt.
Das Profil von Bad_Red_Witch_Bitch hatte sich verändert. Es gab neue Bilder.
Auf einem trug sie ein Korsett aus schwarzem Lack, das ihre Taille so eng schnürte, dass es schmerzhaft wirkte. Sie hielt eine Peitsche aus geflochtenem Leder in der Hand, deren Ende in einem kleinen, silbernen Haken auslief. Ihr Blick war diesmal nicht spöttisch. Er war fordernd. Als würde sie durch das zersplitterte Glas hindurch seine Schwäche sehen und sie genießen.
Tucker zoomte hinein. Die Risse im Display legten sich wie ein feines Gitter über ihr Gesicht, was ihr ein noch unheimlicheres, fast insektenartiges Aussehen verlieh. Er verbrachte Stunden damit, jedes Detail zu studieren: den Glanz des Latex, die Schärfe der Nieten an ihren Handschuhen, die feinen Runen, die nun auch auf ihren Oberschenkeln tätowiert schienen.
Gegen Mittag bemerkte er die ersten deutlichen Zeichen. Als er sich im Waschbecken der Firmentoilette das Gesicht wusch, sah er seine Hände. Sie zitterten. Seine Haut war nicht nur blass; sie hatte einen fahlen, fast grauen Unterton angenommen, als würde sein Blut dickflüssiger und dunkler werden.
Er zog sein Hemd hoch und erstarrte. An seinem Oberkörper, direkt über den Rippen, entdeckte er kleine, kreisförmige Einstiche. Sie sahen aus wie die Abdrücke von Nieten – präzise, symmetrisch und tief in das Fleisch gedrückt. Es gab keine Erinnerung daran, wie sie dorthin gekommen waren. Sie bluteten nicht, aber sie sonderten eine klare, klebrige Flüssigkeit ab, die nach einer Mischung aus Schwefel, Scheiße und Eiter roch.
Er begann, die Kommentare unter ihren Bildern zu lesen. Früher waren sie leer gewesen, doch jetzt füllten sie sich mit kryptischen Nachrichten von anderen Accounts.
„Sie hat mich besucht.“
„Tag 2. Ich kann meine Beine nicht mehr fühlen, aber ich kann nicht aufhören zu schauen.“
„Der Preis ist klein für diese Schönheit.“
„Lauf nicht weg. Es bringt nichts.“
Ein Nutzer namens Shadow_Seeker hatte ein Profilbild, das fast genauso aussah wie Tuckers aktuelles Spiegelbild: eingefallene Wangen, tote Augen, die Haut wie Pergament. Tucker wollte ihm schreiben, ihn fragen, was passierte, doch als er auf das Profil klicken wollte, kam die Meldung:
„Dieser Account existiert nicht mehr.“
Am Abend saß Tucker wieder in seiner dunklen Wohnung. Er hatte nicht gegessen. Er hatte nicht getrunken. Er saß einfach nur da, das Handy in der Hand, und wartete darauf, dass der Bildschirm flackerte.
Die Realität um ihn herum begann sich aufzulösen. Die Wände schienen zu atmen. Das Leder seines Bürostuhls fühlte sich plötzlich viel zu glatt an, fast wie menschliche Haut. Er bildete sich ein, das leise Klirren von Ketten im Flur zu hören.
Er war kein Beobachter mehr. Er war ein Teil ihres Feeds geworden. Ein weiteres Opfer, das darauf wartete, dass die Pixel wieder zu Fleisch wurden. Er wusste, dass die zweite Nacht bevorstand. Und diesmal würde sie nicht nur am Fußende des Bettes stehen.
Kapitel 5
Die Community
Draußen tobte ein Sturm, doch im Inneren der Wohnung war die Luft so abgestanden und unbewegt wie in einer Gruft. Tucker saß vor seinem Laptop. Sein Smartphone lag daneben, der zerbrochene Bildschirm leuchtete in unregelmäßigen Abständen auf, als würde es versuchen, mit ihm zu kommunizieren.
Tucker tippte mit zitternden Fingern. Er suchte nicht mehr auf Google. Er war tiefer gegangen, in die unindifizierten Foren, wo die Nutzer keine Namen hatten, sondern nur Nummern. Er suchte nach dem Namen der Plattform, nach den Begriffen „Bad_Red_Witch_Bitch“, „Leder“, „Rune“ und „Körperlicher Verfall nach Like“.
Zuerst fand er nichts als totes Rauschen. Doch dann stieß er auf einen Thread in einem veralteten Imageboard. Der Titel lautete schlicht:
„DER PREIS DES LIKES“.
Der Thread war eine Galerie des Grauens. Nutzer posteten Bilder von sich selbst – oder dem, was von ihnen übrig war. Tucker sah Fotos von Armen, die von feinen, geometrischen Narben überzogen waren, genau wie die Muster auf seinem eigenen Hals. Er sah Bilder von Schlafzimmern, in denen die Wände mit schwarzen, öligen Schlieren bedeckt waren, die aussahen wie menschliche Silhouetten.
Ein Nutzer mit der Nummer #8821 schrieb:
„Es fängt mit der Faszination an. Du denkst, es ist nur ein Fetisch-Account. Eine hübsche Frau in Lack und Leder. Aber siehst du dir die Stacheln an? Sie sind nicht zur Zierde da. Sie sind Antennen. Sie saugen das Licht aus dem Raum und die Wärme aus deinem Blut. Wer einmal interagiert, hat die Einladung unterschrieben.“
Ein anderer antwortete:
„Ich bin bei Tag 4. Mein Spiegelbild hat angefangen, sich unabhängig von mir zu bewegen. Es lächelt mich an, während ich weine. Sie sitzt jede Nacht auf meiner Brust. Ich rieche das Leder, selbst wenn ich auf der Arbeit bin. Es gibt kein Zurück.“
Tucker scrollte weiter nach unten, bis er auf einen Beitrag stieß, der rot markiert war. Es war eine Liste, die wie eine Warnung und ein Todesurteil zugleich wirkte:
Regel:
Nicht Liken!
Nicht kommentieren!
Nicht länger als 10 Sekunden fixieren!
Konsequenzen, in falle des Ignorieren der Regeln:
Du gibst ihr die Erlaubnis, deine Träume zu betreten.
Du gibst ihr deine Stimme. Du wirst bald nicht mehr sprechen können.
Dein Sehnerv wird zu ihrem Kanal. Sie sieht, was du siehst.
Keine physischen Barrieren.
Schlösser und Mauern existieren für sie nicht. Sie ist digitaler Geist und uraltes Fleisch zugleich.
Unter der Tabelle stand in fettgedruckten Lettern:
WENN DU DEN SCHMERZ IN DER FINGERSPITZE SPÜRST, IST ES ZU SPÄT. DIE ERNTE HAT BEGONNEN.
Tucker starrte auf seinen Daumen. Die kleine Wunde war nicht verheilt. Sie war jetzt schwarz umrandet, und feine, dunkle Adern zogen sich von dort aus unter die Haut seines Handrückens. Er begriff es jetzt: Die Plattform war kein Zufallsprodukt der modernen Technik. Sie war ein digitales Portal für etwas, das viel älter war als das Internet. Ein Wesen, das sich die Eitelkeit und die Einsamkeit der Menschen zunutze machte, um sich zu manifestieren.
Er versuchte, den Laptop zuzuklappen, doch der Browser fror ein. Das Bild von der Bad_Red_Witch_Bitch erschien plötzlich auf dem Laptop-Monitor, obwohl er die Seite gar nicht aufgerufen hatte. Sie füllte den ganzen Bildschirm aus. Diesmal trug sie keine Kapuze. Ihr rotes Haar umspielte ihr Gesicht wie lodernde Flammen aus Blut.
Sie sah ihn an. Und diesmal war es kein statisches Bild. Ihre Augen blinzelten. Ein langsames, grausames Blinzeln.
Tucker riss den Stecker des Laptops aus der Dose, doch das Bild blieb stehen. Der Monitor leuchtete weiter, gespeist von einer Energie, die nicht aus dem Stromnetz kam. Er hörte ein leises Lachen, das direkt aus seinem eigenen Hinterkopf zu kommen schien.
„Zu spät“, flüsterte eine Stimme, die wie das Reiben von Leder auf Leder klang.
Die zweite Nacht brach an. Und Tucker wusste, dass sie diesmal nicht nur am Ende des Bettes warten würde und ihm beim Schlafen zuschauen würde. Sie war bereits in ihm.
Kapitel 6
Die zweite Nacht
Die Dunkelheit in Tuckers Schlafzimmer war nicht länger die Abwesenheit von Licht. Sie war eine zuckende Masse, ein lebendiges Etwas, das mit jedem seiner flachen Atemzüge mitschwang. Er hatte versucht, wach zu bleiben. Er hatte alle Lichter in der Wohnung eingeschaltet, drei Tassen schwarzen Kaffee getrunken und sich mit dem Rücken gegen die Wand gepresst. Doch die Müdigkeit war kein natürliches Bedürfnis mehr – sie war ein Befehl, der direkt aus seinem Smartphone in sein Tucker gesickert war.
Gegen zwei Uhr morgens begannen die Glühbirnen zu summen und zu flackern. Ein hoher, schneidender Ton, der Tuckers Zähne vibrieren ließ. Dann, mit einem trockenen Knall, zerplatzten sie nacheinander mit einem lauten Knall. Die Drähte im Inneren schmolzen mit einem bläulichen Blitz.
In der totalen Finsternis blieb nur ein einziges Licht: Das zersplitterte Display seines Handys auf dem Nachttisch. Es leuchtete in einem kränklichen, violetten Rot.
Und dann hörte er es.
Klick. Klack. Klick.
Das Geräusch von schweren Stiefeln auf dem Parkett. Aber es kam nicht aus dem Flur. Es kam von überall gleichzeitig. Das Leder seiner eigenen Jacke im Schrank begann zu knistern, als würde sich jemand darin bewegen. Der Geruch von Schwefel, Scheiße, Eiter und altem, schweißgetränktem Leder wurde so intensiv, dass Tucker fast würgen musste.
„Ich weiß, dass du schaust“, flüsterte eine Stimme. Sie war rau, wie Sandpapier auf Seide, und schien direkt aus dem zersplitterten Glas seines Handys zu kriechen.
Tucker konnte sich nicht bewegen. Sein Körper war starr, eine leblose Hülle, die nur noch dazu diente, Schmerz und Terror zu empfinden. In der Ecke des Zimmers schälte sie sich aus der Dunkelheit. Zuerst sah er nur das Leuchten der roten Haare, die im fahlen Licht des Handys wie glühende Kohlen wirkten. Dann materialisierte sich die Lederjacke. Die silbernen Nieten fingen das violette Licht ein und warfen scharfe, nadelartige Reflexe an die Decke.
Sie bewegte sich langsam auf ihn zu. Ihr Gesicht war eine Maske aus mitleidloser Perfektion. Die eisblauen Augen waren nun zwei leuchtende Abgründe. Sie trug jetzt Handschuhe, die bis zu den Ellenbogen reichten, überzogen mit spitzen Dornen, die bei jeder Bewegung leise aneinander rieben.
Sie blieb direkt am Rand des Bettes stehen. Das Gewicht ihrer Präsenz drückte die Matratze nach unten, als würde eine tonnenschwere Last neben ihm Platz nehmen. Tucker spürte die Kälte, die von ihr ausging – eine Kälte, die nicht von niedrigen Temperaturen stammte, sondern von der absoluten Abwesenheit von Leben.
Sie beugte sich über ihn. Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt. Er sah die feinen Risse in ihren Lippen, die wie getrocknetes Blut wirkten.
Mit der Eleganz einer Hinterhof-Stripperin, schälte sich die wunderschöne junge Frau aus ihren Klamotten, bis sie nur noch nackt vor ihm stand. Ein weiteres Mal wichste sie Tuckers zuckendem Schwanz und setzte sich auf ihn rauf. Diesmal war es anderes. Die Bitch wechselte zwischen ihrer wahren Form, einer alten verschrumpelten Vettel mit hängenden Hautlappen als Brüsten, die bis auf Tuckers Brust fielen. Ihr Bauch war schrumpelig, wie eine Gurke, die man im Kühlschrank vergessen hatte. Aber nicht nur ihr Körper hatte sich verändert. Auch ihr Gesicht war von tiefen Furchen und Narben geprägt. Ihre einst enge Muschi war nun schrumpelig und trocken wie eine überdimensionale Dörrpflaume. Zwischen die zwei „Formen“ wechselte die Hexe während des Fickens immer hin und her. Von atemberaubender Schönheit zu grässlicher alter Oma. Er hatte zwischen Lust und Ekel hin und her schreien können, aber die Paralyse lies ihn nicht. Als sein Orgasmus kam, schien sie seinen kompletten Samen in sich aufzusaugen wie ein trockener Schwamm.
Als sie ihre Hand – oder das, was davon unter dem stacheligen Leder verborgen war – auf seine Brust legte, fühlte Tucker, wie sein Lebenswille wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug auslief. Es war kein bloßer Schmerz; es war eine Extraktion. Er sah, wie feine, leuchtende Fäden aus seinen Poren traten und in die Poren ihres Leders gesogen wurden.
Sie atmete tief ein, als würde sie seinen Terror wie einen köstlichen Duft genießen. Ihr Lächeln wurde breiter, zeigte Zähne, die zu weiß und zu scharf für einen Menschen waren.
Als der erste graue Lichtstrahl des Morgens durch die Jalousien drang, war sie verschwunden. Doch sie hatte Spuren hinterlassen.
Tucker lag flach auf dem Boden neben dem Bett. Er war zu schwach, um aufzustehen. Seine Haut war nun fast so blass wie die ihre, und seine Haare hatten an den Schläfen begonnen, grau zu werden. Als er mühsam seine Hand hob, sah er, dass die schwarzen Adern nun bis zu seinem Ellenbogen reichten. Sie bildeten ein komplexes Netz, das den Tätowierungen auf ihrem Körper erschreckend ähnlich sah.
Er schleppte sich zum Badezimmer und klammerte sich am Waschbecken fest. Er hustete, und ein kleiner Klumpen aus schwarzen, faserigen Fäden landete im Becken. Es sah aus wie Fetzen von verbranntem Leder.
Er sah in den Spiegel, doch sein Gesicht war verschwommen, als würde die Realität ihn nicht mehr vollständig erfassen können. Nur sein Handy, das er wie unter Zwang mitgenommen hatte, zeigte ein klares Bild. Eine neue Benachrichtigung auf dem Sperrbildschirm:
„Bad_Red_Witch_Bitch hat dich in einem Beitrag markiert.“
Tucker wusste: Die Ernte war fast abgeschlossen. Er hatte nur noch wenig Zeit, bevor er vollständig in ihrer Welt verschwinden würde.
Kapitel 7
Die Erkenntnis
Der Morgen von Tag 3 brach nicht an; er sickert wie flüssiges Blei durch die Ritzen der Jalousien. Tucker lag auf dem kalten Badezimmerboden, die Wangen gegen die Fliesen gepresst, die sich nun anfühlten wie die Haut eines Toten. Jeder Herzschlag war ein mühsamer, metallischer Stoß in seiner Brust. Er war kein Mensch mehr, der eine App benutzte. Er war ein Wirt geworden.
Als er mühsam den Kopf hob, sah er es an der Wand gegenüber. Es war kein Schattenwurf der Möbel. Dort, wo das Licht der heraufziehenden Sonne auf die Tapete traf, schälten sich dunkle, verkohlte Ziffern aus der Struktur des Hauses.
3... 2...
Die Zahl 1 flackerte unregelmäßig, wie ein defektes Neonlicht in einer verlassenen Gasse. Tucker begriff es mit einer Klarheit, die schmerzhafter war als jeder Schnitt: Er hatte noch genau vierundzwanzig Stunden. Drei Tage waren die Frist. Drei Nächte die Prüfung. Die dritte Nacht würde das Ende sein.
Tucker schleppte sich in die Küche, doch das vertraute Umfeld war vergiftet. Er öffnete den Kühlschrank, doch der Geruch von Lebensmitteln widerte ihn an. Alles roch nach verbranntem Gummi und dem süßlichen Aroma von Verwesung, das sie verströmte.
Er sah in den silbernen Toaster – und sah sie. Nicht als Spiegelung, sondern als Präsenz hinter ihm. Er wirbelte herum, stieß eine Tasse vom Tisch, die mit einem hässlichen Geräusch zersplitterte. Niemand war da. Doch als er auf die Scherben blickte, ordneten sie sich auf dem Boden zu einem Muster an: das Runenzeichen von ihrem Hals.
Sie war überall. In den schwarzen Bildschirmen der ausgeschalteten Geräte. In den dunklen Pupillen seines eigenen Spiegelbildes. Er begann, die Spiegel in der Wohnung mit Klebeband und Zeitungen abzukleben, doch er hörte ihr Lachen hinter dem Papier. Ein kratziges, lustvolles Geräusch, das direkt aus den Wänden zu kommen schien.
Tucker riss sich das Hemd vom Leib. Er musste sehen, was sie mit ihm gemacht hatte.
Sein Körper war ein Schlachtfeld. Die schwarzen Adern hatten nun seinen gesamten Torso überzogen. Sie pulsierten im Takt des Handy-Displays, das im Nebenzimmer unaufhörlich vibrierte. Seine Haut war an den Stellen, die sie berührt hatte, hart geworden – ledrig, dunkel, fast wie gegerbtes Fleisch. Kleine, silberne Spitzen begannen unter seiner Haut hervorzubrechen, schmerzhaft und unaufhaltsam, als würde sein Skelett sich in eine Rüstung aus Nieten verwandeln.
Er war nicht mehr nur ein Opfer. Er wurde zu einer Erweiterung ihres Bildes. Zu einem Requisit in ihrem endlosen Feed.
Er griff nach dem Smartphone. Er konnte nicht anders. Es war wie der Drang eines Ertrinkenden nach Luft, selbst wenn die Luft aus reinem Gift bestand.
Die Plattform Vespera war nun keine App mehr. Die gesamte Aufmachung war verschwunden. Es gab nur noch ein einziges, endloses Video in Dauerschleife.
Sie saß in einem Raum, der exakt so aussah wie sein Wohnzimmer. Sie trug die stachelbesetzte Jacke, die Handschuhe glänzten feucht. In ihren Händen hielt sie ein Tablet, auf dem er zu sehen war – wie er gerade in diesem Moment auf sein Handy starrte. Eine mörderische Rückkopplungsschleife der Qual.
Sie sah in die Kamera, leckte sich über die blassen Lippen und formte lautlos Worte, die in Tuckers Kopf wie Donnerschläge widerhallten:
„Fast fertig. Die Ernte braucht ein Gefäß. Du wirst mein schönstes Bild sein.“
Tucker versuchte zu schreien, doch seine Stimmbänder fühlten sich an, als wären sie mit schwarzem Garn zugenäht. Er rannte zur Wohnungstür, riss am Schloss, doch der Schlüssel drehte sich leer im Zylinder. Das Metall des Türgriffs war heiß, fast glühend.
Er war eingesperrt. Nicht von physischen Riegeln, sondern von einer digitalen Barriere, die den Raum um ihn herum neu definierte. Die Wohnung war nun ein Teil des Servers. Und die Zeit lief ab.
Draußen wurde es bereits wieder dunkel. Die Schatten in den Ecken wurden länger, dicker, stofflicher. Er hörte das ferne Klirren von Ketten und das unverkennbare Knirschen von schwerem Leder. Die dritte Nacht begann nicht einfach – sie forderte ihren Tribut.
Kapitel 8
Der Versuch zu entkommen
Tucker war ein Tier im Käfig. Ein Käfig aus Glas, Strom und altem, flüsterndem Leder. Die Panik, die bisher wie ein kalter Stein in seinem Magen gelegen hatte, schlug nun in blinde, zerstörerische Wut um. Er musste die Verbindung kappen. Er musste das Portal schließen, bevor die Sonne endgültig hinter dem Horizont verschwand und die dritte Nacht ihn verschlang.
Er griff nach seinem Smartphone. Das zersplitterte Display brannte in seiner Handfläche, als wäre es direkt mit seinem Nervensystem verdrahtet. Mit einem animalischen Schrei schmetterte er das Gerät gegen die Kante der Küchenzeile. Das Glas barst in tausend scharfe Trümmer, Plastik splitterte, und der Akku zischte wie eine sterbende Schlange.
Doch das Handy starb nicht.
Selbst in Trümmern, ohne Gehäuse, leuchteten die Fragmente auf dem Boden weiter. Jede einzelne Scherbe zeigte ein winziges, verzerrtes Teilstück ihres Gesichts. Ein Auge hier, ein hämisch grinsender Mund dort, eine blutrote Strähne dort. Sie lachte ihn aus tausend Glasaugen an.
„Verschwinde!“, brüllte Tucker. Er griff nach einem schweren Fleischklopfer und hämmerte auf die Reste ein, bis nur noch feiner, glitzernder Staub übrig war. Doch der Staub begann zu vibrieren. Er ordnete sich auf den Fliesen neu an, bildete die Umrisse ihrer stachelbesetzten Jacke.
Er rannte zum Router, riss die Kabel aus der Wand, zertrat das Plastikgehäuse. Er schaltete die Sicherungen der gesamten Wohnung aus. Totale Finsternis. Stille.
Tucker atmete schwer. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, als wollte es aus der ledrig gewordenen Haut ausbrechen. „Es ist vorbei“, flüsterte er in die Dunkelheit. „Kein Internet. Kein Feed. Kein Portal.“
Doch dann passierte es.
Ein leises, rhythmisches Pling. Das Geräusch einer Benachrichtigung.
Es kam nicht von einem Gerät. Es kam von der Innenseite seines eigenen Schädels.
Vor seinen geschlossenen Augen baute sich die Seite von Vespera auf. Er sah den Ladebalken, der bei 99% feststeckte. Die App war nicht mehr auf seinem Handy. Sie war in seine Netzhaut gebrannt, in seine Synapsen programmiert. Er war jetzt die Hardware.
Die Wohnung begann sich zu verändern. Die Tapeten rollten sich ab wie tote Haut und enthüllten darunter keine Ziegel, sondern schwarzes, glänzendes Latex, das rhythmisch pulsierte, als würde das Haus selbst atmen. Die Möbel verloren ihre hölzerne Struktur; sie wurden weich, organisch, überzogen mit Nieten und Schnallen.
Tucker flüchtete ins Badezimmer, die einzige Stelle, die er noch nicht komplett „gereinigt“ hatte. Er riss die Zeitungen von den Spiegeln, in der Hoffnung, sein altes Ich zu sehen.
Doch was er sah, war die endgültige Manifestation.
Im Spiegel stand nicht Tucker. Dort stand eine groteske Version seiner selbst. Seine Haut war nun vollständig tiefschwarz und glänzend, durchzogen von silbernen Reißverschlüssen, die direkt in sein Fleisch genäht schienen. Aus seinen Schultern brachen die gleichen langen, mörderischen Stacheln hervor, die sie an ihrer Jacke trug.
Er griff nach einer Scherbe des zerbrochenen Zahnputzbechers, um sich die Stacheln aus dem Fleisch zu schneiden, doch er spürte keinen Schmerz. Er spürte nur Lust. Eine dunkle, fremde Ekstase, die durch seine Adern gepumpt wurde – ein digitales Gift, das ihn für die Ankunft der Königin vorbereitete.
Plötzlich hörte er ein Geräusch. Ein langsames, genüssliches Streichen von Metall auf Leder.
Ssssschhhhhh...
Es kam direkt von hinter ihm. Er sah in den Spiegel.
Dort, in der Spiegelwelt, stand sie. Sie legte ihre behandschuhten Hände auf seine mutierten Schultern. Ihr rotes Haar leuchtete wie eine Fackel in der Dunkelheit seines Badezimmers.
„Warum versuchst du zu löschen, was bereits unsterblich ist?“, flüsterte sie. Ihre Stimme war nun kein Flüstern mehr, sondern ein physischer Druck, der sein Trommelfell fast zum Platzen brachte. „Die Plattform war nur der Köder. Du bist der Fang.“
Sie drückte ihre Nägel in sein Fleisch, und zum ersten Mal floss kein Blut, sondern eine schwarze, ölige Flüssigkeit – die Essenz der Plattform.
Die dritte Nacht hatte nicht nur begonnen. Sie hatte ihn bereits verschlungen.
Kapitel 9
Die dritte Nacht
Die Stille in der Wohnung war nun so dicht, dass sie Tuckers Ohren schmerzte. Es war keine Abwesenheit von Geräuschen mehr, sondern das hasserfüllte Schweigen eines Raubtiers, das direkt vor dem Sprung steht. Die Uhr an der Wand war bei 00:00 Uhr stehen geblieben. Die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren; es gab nur noch das Jetzt und das Sie.
Plötzlich begann der Boden unter Tuckers Füßen zu vibrieren. Es war kein Erdbeben, sondern ein rhythmisches Pochen, als würde ein gigantisches Herz unter dem Parkett schlagen. Die Wände, die sich bereits in schwarzes Latex verwandelt hatten, schwitzten nun eine dunkle, ölige Flüssigkeit aus. Es roch nach verbranntem Strom, nach dem Metallgeschmack von Blut und dem schweren, betäubenden Aroma von teurem Leder.
Das Licht in der Wohnung kehrte aus den kaputten Glühbirnen zurück, aber es war nicht das warme Gelb der Lampen. Ein kaltes, flackerndes Violett, genau wie das Leuchten der App, flutete den Raum. Schatten begannen, sich von den Gegenständen zu lösen und wie schwarzer Rauch an der Decke entlangzukriechen.
Dann geschah es. Mitten im Wohnzimmer riss die Luft auf. Es gab kein Geräusch, nur ein optisches Flimmern, als würde ein Videostream bei schlechter Verbindung zerreißen. Pixel für Pixel, Faser für Faser materialisierte sie sich.
Sie trat nicht durch eine Tür. Sie trat aus der Unwirklichkeit in die Materie.
Dort stand sie. Bad_Red_Witch_Bitch.
Ihr rotes Haar war nun ein loderndes Feuer, das fast bis zu ihren Hüften reichte. Die eisblauen Augen glühten in der Dunkelheit wie zwei Bildschirme im Standby-Modus. Ihre stachelbesetzte Lederjacke wirkte in der Realität noch bedrohlicher; jede einzelne Niete schien ein Eigenleben zu führen, sich leicht zu bewegen, als würde sie die Angst aus der Luft filtern.
Das Knirschen ihrer Stiefel auf dem Boden war das lauteste Geräusch, das Tucker je gehört hatte. Jeder Schritt klang wie das Urteil eines Henkers.
Tucker wollte zurückweichen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. Er war festgewachsen, ein Teil des schwarzen, pochenden Bodens. Er spürte, wie die Stacheln an seinem eigenen Körper – die Auswüchse der Infektion – auf ihre Anwesenheit reagierten. Sie begannen zu vibrieren, ein metallisches Singen, das durch seine Knochen fuhr.
Sie kam auf ihn zu, langsam, mit der grausamen Geduld einer Spinne. Ihr Gesicht war eine Maske aus makelloser, bleicher Grausamkeit. Sie hob eine Hand, die in einem dornenbesetzten Handschuh steckte, und strich ihm fast zärtlich über die Wange. Die scharfen Spitzen ritzten seine Haut auf, doch anstatt zu bluten, leuchteten die Schnitte violett auf.
„Du hast so lange gestarrt, Tucker“, flüsterte sie. Ihre Stimme war nun kein Flüstern mehr, sondern eine vielschichtige Frequenz, die direkt in seinem Gehirn widerhallte. „Du wolltest mich sehen. Du wolltest mich spüren. Jetzt bin ich hier. Und ich gehe nicht mehr weg.“
Sie legte beide Hände auf seine Brust. Tucker spürte den enormen Druck, die Kälte des Metalls und die Hitze ihres Willens.
Diesmal bemerkte er, dass sie unter ihrer Lederjacke nichts trug. Ihre Nippelpiercings blitzten bei jeder ihrer Bewegungen hervor. Der Reißverschluss ihrer Leggings war bereits geöffnet. Obwohl Tucker nur noch Haut und Knochen war, reagierte sein Schwanz augenblicklich. Er wurde hart wie Stahl. Gierig ging die Hexe auf ihn zu und leckte sich die Lippen. Ohne ein weiteres Wort legte sie ihre Lippen um seinen Pimmel und fing an lustvoll daran zu saugen. Tucker spürte das kribbeln in seinen Eiern. Irgendwas war diesmal anders. Es fühlte sich an, als ob ihm jemand das Leben aus seinem Sack saugen würde.
Die Umgebung um sie herum begann sich aufzulösen. Die Wände der Wohnung verschwammen zu einem endlosen digitalen Rauschen. Die Möbel zerfielen in binären Code. Es gab nur noch sie beide in einer Leere aus violettem Licht und schwarzem Leder.
Tucker fühlte, wie sein Bewusstsein zersplitterte. Er war kein Beobachter mehr. Er war kein Nutzer mehr. Er wurde zu einem Frame in ihrem endlosen Video. Er wurde zu einem Pixel in ihrem perfekten Bild.
„Die Ernte ist bereit“, sagte sie, und zum ersten Mal sah er ein echtes, menschliches Funkeln in ihren Augen – das Funkeln eines Jägers, der gerade seine Beute verschlungen hat.
Kapitel 10
Die Ernte
Die Realität war nun nichts weiter als ein flackerndes Rauschen am Rande von Tuckers Bewusstsein. Die Wohnung existierte für ihn nicht mehr. Es gab keinen Boden, keine Decke, nur eine unendliche, violett-schwarze Leere, die von dem harten, kalten Glanz ihres Leders erhellt wurde. Tucker hing im Nichts, gehalten von unsichtbaren Fäden, die direkt aus seinen eigenen, neu gewachsenen Stacheln in den Äther ragten.
Sie stand vor ihm, doch sie wirkte nun größer, mächtiger, als hätte sie die gesamte Materie seiner Welt in sich aufgesogen. Ihr rotes Haar peitschte in einem unnatürlichen Wind um ihren Kopf, und die eisblauen Augen waren nun zwei lodernde Fixpunkte totaler Dominanz.
„Es ist Zeit, Tucker“, sagte sie, und ihre Stimme klang nun wie tausend zerbrechende Glasplatten gleichzeitig. „Der Blick hat einen Preis. Die Faszination fordert ihren Tribut. Du hast mich in dein Leben gelassen – jetzt nehme ich mir meins zurück.“
Sie legte ihre behandschuhten Hände auf sein Gesicht. Die Nieten bohrten sich tief in seine Wangen, doch es floss kein Blut mehr. Stattdessen begann ein leuchtender, nebliger Strom aus seinen Augen, seinem Mund und seinen Poren zu fließen. Es war seine Essenz. Seine Erinnerungen an den Geruch von Regen, das Lachen seiner Mutter, das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut – all das wurde aus ihm herausgerissen und in das schwarze Leder ihrer Jacke gesaugt.
Tucker wollte schreien, doch sein Mund war nun fest mit einer Schicht aus kaltem, schwarzem Latex überzogen. Er spürte, wie sein Geist schrumpfte. Er vergaß seinen Namen. Er vergaß, wie es sich anfühlte, ein Mensch zu sein. Er fühlte nur noch das kalte Metall und die unendliche Schwere ihres Willens.
Sein Körper begann sich physisch zu verändern. Er schrumpfte nicht, er deformierte sich. Seine Gliedmaßen wurden länger, dünner, überzogen von hartem, glänzendem Material. Er wurde flach. Zweidimensional. Die dreidimensionale Welt stieß ihn aus.
Sie lachte, ein bösartiges, triumphierendes Geräusch, das den gesamten Raum erschütterte. Sie griff in die Leere und schien den Raum selbst wie ein Blatt Papier zu falten.
Mit einem Ruck, kam die Hexe auf Tucker zu. Sie kniete sich vor ihm hin. Ihr Gesicht genau auf der Höhe seines steifen Schwanzes. Sie nahm ihm komplett in ihrem Mund auf. Lutschte zwei Mal genüsslich an seinem Pimmel. Dann gab es ein plötzliches Geräusch. Nass, klebrig und reißend. Mit der bloßen Kraft ihres Kiefers, hatte sie Tuckers Schwanz abgebissen. Tucker zuckte nicht mal mit der Wimper. Die Hexe kaute ihre zähe Trophäe wie einen Kaugummi. Sie schluckte. Reste von Tuckers Wichse rannen ihr über die Mundwinkel.
Plötzlich gab es einen blendenden Blitz aus violettem Licht. Ein gewaltiges statisches Rauschen erfüllte die Unendlichkeit, dann schlagartige Stille.
In der dunklen Wohnung, in der realen Welt, war es nun vollkommen still. Der Strom war zurückgekehrt, aber die Lampen brannten mit einem seltsamen, unterkühlten Licht. Auf dem Boden lagen nur noch ein paar Fetzen schwarzes Leder und ein Haufen feiner, glitzernder Glasstaub. Von Tucker gab es keine Spur mehr. Keine Leiche, kein Abschiedsbrief.
Nur sein kaputtes Handy, das wie durch ein Wunder wieder funktionierte, lag auf dem Küchentisch.
Auf dem Display öffnete sich automatisch die App Vespera. Ein neuer Beitrag war online gegangen. Ein Bild von Bad_Red_Witch_Bitch. Sie saß auf einem neuen Thron. Und zu ihren Füßen lag ein lebloses, in schwarzes Leder gehülltes Etwas, dessen Gesichtszüge vage an Tucker erinnerten. Es war kein Mensch mehr. Es war ein Accessoire. Ein Requisit in ihrer ewigen Galerie.
Unter dem Bild stand zum ersten Mal eine Beschreibung:
„Ein neuer Follower. Ein ewiger Moment. Wer ist der Nächste? #LIKE #DeineGöttin #DeinTraum“
Epilog
Die Wohnung von Tucker war nun ein Museum der Stille. Die Staubpartikel tanzten im fahlen Licht der Straßenlaternen, die durch die verkrusteten Fenster fielen. Es gab keine Anzeichen eines Kampfes, keine Einbruchspuren, nur diesen einen, unerträglichen Geruch nach Schwefel, Scheiße, Eiter und chemisch behandeltem Leder, der wie ein unsichtbarer Schimmel in den Tapeten hing. Eine Armee von Fliegen hatte seine Wohnung übernommen. Das Schurren war nun das einzige Geräusch, welches man aus den Wänden vernahm.
Irgendwo in den Tiefen des Netzes, auf Servern, die keinem Land und keiner Firma gehörten, pulsierte das Profil von Bad_Red_Witch_Bitch weiter. Es war ein digitales Ökosystem des Verfalls. Wer die Seite jetzt besuchte, sah nicht mehr nur sie. Die Galerie war gewachsen.
Hinter ihr, in den unscharfen Schatten ihrer perfekt inszenierten Bilder, sah man nun neue Details. Statuen aus schwarzem Lack, die sich in qualvollen Posen krümmten. Kleiderständer, die mit Leder bezogen waren, das eine unheimlich menschliche Textur aufwies. Und mittendrin: Tuckers leeres Gesicht, eingefroren in einem ewigen Moment des Schreckens, eingearbeitet in das Muster ihres neuen, stachelbesetzten Throns. Er war nun ein Teil der Architektur ihres Wahnsinns.
Doch das Grauen war nicht lokal gebunden. In einer anderen Stadt, hunderte Kilometer entfernt, saß ein junger Mann namens Adam in seinem verdunkelten Zimmer. Er war einsam, gelangweilt und suchte nach diesem einen Kick, den die glatten, zensierten sozialen Medien ihm nicht mehr geben konnten.
Er hatte von einer App gehört. "Vespera". Man sagte, dort gäbe es Dinge zu sehen, die man nirgendwo sonst findet. Echte Schönheit. Echte Gefahr.
Adam installierte die App. Sein Daumen zitterte leicht vor Aufregung. Das erste, was er sah, war ein schwarzer Bildschirm. Dann ein violettes Flimmern. Und dann... sie.
Das Bild war atemberaubend. Die roten Haare leuchteten wie frisches Blut auf seinem Display. Die Lederjacke mit den silbernen Nieten wirkte so plastisch, dass er fast meinte, die Kälte des Metalls spüren zu können. Sie blickte ihn an, ein wissendes, grausames Lächeln auf den blassen Lippen.
Adam hielt den Atem an. Er spürte ein seltsames Ziehen in seiner Brust, eine Mischung aus tiefer Faszination und einem instinktiven Fluchtreflex, den er jedoch ignorierte. Er sah sich die Details an. Die Runen an ihrem Hals. Die Art, wie das Licht auf dem glänzenden Latex ihrer Handschuhe brach.
Er bemerkte nicht, dass die Temperatur in seinem Zimmer spürbar sank. Er hörte nicht das leise, rhythmische Knirschen von schwerem Leder, das plötzlich aus seinem eigenen Kleiderschrank drang. Er sah nur dieses eine, perfekte Bild.
„Wow“, flüsterte Lukas. Sein Daumen schwebte über dem Bildschirm. Er wusste nichts von Tucker. Er kannte die Regeln nicht. Er sah nur die Schönheit des Grauens.
Er tippte doppelt auf das Glas.
Ein kleines, rotes Herz flackerte auf.
Ein stechender Schmerz schoss durch seine Fingerspitze.
An seinem Hals, ganz leicht unter der Haut, begann sich eine feine, schwarze Linie abzuzeichnen – der erste Strich einer Rune, die bald sein gesamtes Wesen beanspruchen würde.
Auf dem Profil von Bad_Red_Witch_Bitch erschien ein neuer kleiner Punkt im Hintergrund eines Bildes. Ein Pixel, der langsam Gestalt annahm. Die Ernte für die nächste Nacht war bereits gesät. Und irgendwo im digitalen Äther lachte eine Frau mit roten Haaren, während sie das Leder ihrer Handschuhe festzog und sich auf ihr nächstes Opfer vorbereitete.
Das Portal war offen. Und es würde sich niemals wieder schließen, solange es Menschen gab, die bereit waren, zu lange in die Dunkelheit zu blicken.
ENDE
Der Gärtner der Stille
Im Nebel steht er, stumm und schwer,
die Klinge singt, doch er nicht mehr,
kein Herz, das schlägt, kein Blick, der fleht,
nur etwas, das noch weitergeht.
Das Gras zerreißt in nassem Schnitt,
ein leises Wimmern geht noch mit,
die Häuser starren, kalt und alt,
als hätten sie ihn einst gekannt.
Zwei Schlitze nur, ein dunkler Blick,
kein Mensch mehr drin, kein Weg zurück,
die Maske frisst, was Leben war,
und lässt nur leere Kälte da.
Ein blonder Zopf im Wind verweht,
wie etwas, das verloren geht,
ein letzter Rest von alter Zeit,
begraben in Unendlichkeit.
Wo er einst ging, wächst nichts mehr nach,
die Erde schweigt, der Himmel brach,
nur Streifen bleiben, still und schlicht,
wie Spuren ohne Angesicht.
Es war einmal eine ruhige, weiße Porzellanschüssel, die am Rande eines Badezimmers stand. Dort, mitten in der Nacht, saßen zwei kleine Kerle nebeneinander und warteten.
Da war Miefi. Er war klein, kugelrund und sah ein bisschen aus wie ein Schokopudding mit einer perfekten Locke obenauf. Miefi war ein Optimist. Er liebte die Aussicht auf das Wasser unter ihm.
Und dann war da Stinki. Stinki war deutlich größer, eher kräftig gebaut und hatte eine etwas grimmige Miene. Er war gestern Abend bei einem deftigen Abendessen mit viel Vollkornbrot entstanden und fühlte sich dementsprechend... nun ja, kompakt.
„Glaubst du, heute ist der Tag?“, flüsterte Miefi aufgeregt und wackelte ein bisschen hin und her.
Stinki brummte tief. „Der Tag, an dem wir die große Rutsche nehmen? Ich hoffe es. Hier oben wird es langsam langweilig. Ich will wissen, wo das Rohr hinführt.“
„Ich habe gehört, da unten gibt es eine ganze Stadt aus Wasser!“, rief Miefi. „Und wir dürfen mitschwimmen!“
Plötzlich geschah es. Ein lautes KLACK ertönte von oben. Die beiden hielten den Atem an. Dann kam das Geräusch, auf das sie gewartet hatten: Ein tiefes Grollen, wie ein herannahender Wasserfall.
„Festhalten, Stinki! Jetzt geht’s looooos!“, schrie Miefi.
Ein riesiger Schwall glasklaren Wassers riss sie von ihrem Platz. Miefi wirbelte im Kreis wie in einem Karussell, während Stinki wie ein schweres U-Boot durch die Fluten pflügte.
Mit einem lauten Schlürf wurden sie in das dunkle Loch gesogen. Es war dunkel, es war nass, und es war verdammt schnell!
Miefi: „Huiiiii! Ich bin ein Delfin!“
Stinki: „Reiß dich zusammen, Miefi! Wir müssen die Formation halten!“
Sie rutschten durch lange, glatte Kurven, aber sie blieben zusammen. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde das Rohr weiter und das Wasser ruhiger.
Sie landeten in einem riesigen Tunnel, der geheimen Autobahn unter der Stadt.
„Siehst du das?“, fragte Stinki und wirkte plötzlich gar nicht mehr so grimmig. „Wir sind Teil von etwas Großem.“
Miefi grinste breit. „Wir sind auf dem Weg zum Klärwerk, Stinki. Da werden wir sauber gemacht und helfen später vielleicht sogar Blumen beim Wachsen!“
Und so trieben die beiden Freunde nebeneinander her, bereit für alles, was das große Rohr noch für sie bereithielt.
Ende.